Dein Kind ist wütend, weint untröstlich oder ist besonders schüchtern in einer neuen Situation. Und schwupps, beginnen Deine Gedanken zu kreisen: „Sie ist immer so stur“, „Er ist so sensibel“, „Sie hat einfach einen schwierigen Charakter.“
Wir Menschen neigen dazu, bestimmte, oft intensive oder wiederkehrende Gefühle bei unseren Kindern (und auch bei uns selbst!) wie einen Suchscheinwerfer wahrzunehmen. Diese starken Gefühle brennen sich in unsere Wahrnehmung und wir verwechseln sie schnell mit dem Kern unseres Kindes – seinem Charakter.
- Der Trugschluss: Du siehst die Wut und denkst: „Aha, Du bist ein wütender Mensch.“
- Die Wahrheit: Wut ist nur eines von vielen Gefühlen, die Dein Kind gerade erlebt. Es ist ein momentaner emotionaler Zustand, nicht seine dauerhafte Identität.
Wenn wir immer wieder sagen: „Du bist so zornig“, geben wir der Wut die Macht, den Charakter des Kindes zu definieren.
Was passieren kann: Wir setzen Gefühl und Identität gleich.
Die Einladung: Sieh Dein Kind im Ganzen, ungefiltert
Lass bewusst einen Schritt zurücktreten und die Linse weiten.
Lass beobachten und beschreiben:
- Statt: „Du bist so traurig.“ (Gefühl = Charakter)
- Besser: „Ich sehe, dass Dich dieses Ereignis gerade sehr traurig macht.“ (Gefühl = ein Zustand)
Der Unterschied ist klein, aber die Wirkung ist riesig: Indem Du das Gefühl als eines von vielen und als momentane Reaktion anerkennst, befreist Du Dein Kind davon, sich über dieses eine Gefühl definieren zu müssen. Du gibst ihm die Erlaubnis, heute wütend und morgen fröhlich zu sein – und dabei immer ganz und wertvoll zu bleiben.
Und vielleicht denkst Du jetzt: „Ach Mist, das habe ich bestimmt schon ganz oft so gesagt“ oder „Wer schafft es denn, auf solche Feinheiten acht zu gehen?“
Und diese Gedanken sind ok – wir sind alle nicht perfekt und das ist auch gut so. Alleine die Wahrnehmung, diese Sichtweise jetzt erhalten zu haben, reicht schon, dass Du Dich hier und da anders denken oder sprechen hörst. Dieser Hinweis ist auch nur dann besonders wichtig, falls sich Dein immer wieder in der gleichen Rolle verfängt.
Übung: Nimm Dir heute einen Moment Zeit, um bewusst drei andere Gefühle bei Deinem Kind wahrzunehmen, die nichts mit der „typischen“ Rolle zu tun haben.
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Ich bin Isabelle, Elterncoach, Erziehungsberaterin und 3-fach Mutter.
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