Pippi Langstrumpf

Scham ist ein Gefühl, dass alle kennen und keiner haben möchte.

Es sind die aufsteigenden roten Backen, das Gefühl, der Boden solle aufgehen, damit wir verschwinden können, der Wunsch, etwas rückgängig machen zu wollen und dass mein Gegenüber es mir bitte nicht übel nimmt.

Doch was ist Scham, wofür ist sie gut und wie zeigt sie uns und unseren Kindern den Weg zueinander?

 

„Ich schäme mich so…“

Ich erinnere mich noch genau an eine Situation in der Schulorchesterfreizeit, als ich damals in der 5. Klasse ganz neugierig in einer Pause umhergelaufen bin, um mir die anderen Instrumente anzuschauen. Bei der Posaune bin ich stehen geblieben und ich konnte nicht anders, als sie anzufassen und einmal hochzuheben. In dem Moment ist sie mir aus der Hand gerutscht und auf den Boden gefallen.
Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie unglaublich geschockt und beschämt ich war. Ich hätte am liebsten sofort die Freizeit verlassen und alles rückgängig gemacht. Damals habe ich mich so sehr geschämt, dass ich mich nicht getraut habe, es direkt beim Orchesterleiter zu melden, da ich wusste, dass dieser sehr streng war. Es war dann um so beschämender, als der Schüler die Delle in seiner Posaune bemerkte.

Glücklicherweise war meine Schwester dabei und ich habe mich dann ihr anvertraut. Sie hat mir geholfen, es zu melden. Mein Mitschüler, der noch ein Freund von mir ist, hat total nett reagiert, so dass wir heute immer noch drüber lachen können, die Versicherung hat den Schaden ersetzt und die Sache war schnell vom Tisch.

Auch wenn die Überwindung erstmal viel Kraft gekostet hat und ich mich noch mehr geschämt habe, da ich es nicht direkt gesagt hatte, war es doch sehr befreiend, darüber zu sprechen. Ich habe viel daraus gelernt und würde es heut definitiv von vorn herein anders machen.

 

Scham kann ein überraschendes Geschenk für Empathie sein

Ihr seht‘s, die Scham kann ein Geschenk für Empathie, Verständnis und Lachen sein. Als ich vor ein paar Jahren das Buch „Die Gaben der Unvollkommenheit“ von Brenè Brown (unbezahlte Werbung) gelesen habe, ist mir erst bewusst geworden, wie wichtig das Schamgefühl ist und dass wir es nicht verstecken sollten, da es uns lenkt, uns unsere Werte bewusst macht und unser Bewusstsein für das Wichtige schärft.

Brené Brown ist führende Sozial-Forscherin auf dem Gebiet von Scham, Verletzlichkeit, Mut und Selbstwertgefühl. Sie hat das Thema Scham aus der Tabuzone geholt. Wo wir gewöhnlicher Weise Verletzlichkeit mit Schwäche gleichsetzen, zeigt sie auf, wie sehr Verletzlichkeit zu einer authentischen Lebensweise gehört. Sie bezeichnet Verletzlichkeit als Geburtsort von Innovation, Kreativität und Veränderung und als direkte Maßeinheit für Mut.

„Scham hasst es, wenn sie in Worte gewickelt wird – sie kann nicht überleben, wenn sie geteilt wird. Die Scham liebt Verschwiegenheit. Das Gefährlichste, was wir nach einer beschämenden Erfahrung tun können, ist, unsere Geschichte zu verstecken oder zu begraben. Wenn wir unsere Geschichte verleugnen, dann bildet sie Metastasen.“
schreibt Brené Brown.

Und genauso war es bei mir auch. Als es dann einmal raus war und ich mir den Mut genommen hatte zu erzählen, was geschehen war, war ich zwar beschämt, aber auch gleichzeitig erleichtert.

 

Kinder & ihre Scham

Euren Kindern geht es ganz genau so. Ihr kennt sie sicher so gut, dass ihr genau spürt, wenn sie Mist gebaut haben. Ich sehe es im Gesicht und an der ganzen Körperhaltung, wenn sie mir etwas verheimlichen wollen, weil sie sich schämen.
Doch wie können wir sie dabei unterstützen, über ihre Scham zu sprechen?
Was hat mich damals ermutigt? Ich wusste, dass meine Schwester zu mir steht und mich nicht verurteilten würde. Klar hat sie gesagt, dass ich das hätte gleich sagen müssen, aber ich wusste, sie straft mich nicht dafür ab.

Wenn wir den Unterschied machen zwischen ‚Das hast Du getan und das bist Du – Deine Handlung war nicht in Ordnung, aber Du bist weiterhin liebenswert‘ dann spüren die Kinder Verbundenheit. Wenn wir es schaffen, sie nicht zu bestrafen oder sie nicht mit Abneigung abzuurteilen oder zu beschimpfen, sodass sie denken „Ich bin schlecht, ich bin nichts wert“, dann werden sie sich trauen, Ihre Fehler einzugestehen.

Eine Offenheit für Scham ist etwas ganz verbindendes und meist finden wir dann schneller eine Lösung als wenn schon das Vertrauen angeknackst ist.

Klar dürfen die Kinder Geheimnisse haben (heimlich am Ipad daddeln, sich einen Schokoriegel stibitzen oder noch zwei Stunden mit einer Taschenlampe im Bett weiterlesen). Das ist wichtig, um sich auszuprobieren und sich langsam von uns zu lösen. Wenn diese Geheimnisse allerdings zum Schaden oder mit einer Verletzung anderer zu tun haben, ist es wichtig, ihnen dies bewußt zu machen und sie zu ermutigen darüber zu reden. Das zeigt Mut und hilft, die Sache schnell wieder gut zu machen.

Sie in dem Moment zu einer Entschuldigung zu zwingen, bringt nichts, da es sie dann ja wieder beschämt, da die Entschuldigung nicht aus ihnen selber herausgeschehen ist.
Hier hilft es viel mehr, sich später gemeinsam hinzusetzen und darüber zu sprechen, was der andere sich in der Situation gewünscht hätte und zu überlegen, was beim nächsten Mal besser gemacht werden könnte.

Bin ich eine gute Mutter?

Auch wir als Eltern kennen das Gefühl der Scham, die uns immer wieder nachts wachhält. „Bin ich eine gute Mutter, wenn ich so viel arbeite?“ „Ich schaffe es einfach nicht, mit dem Schreien aufzuhören, sicher hat das schon großen Schaden bei meinem Kind verursacht?“ „Andere Väter machen das viel besser – sie haben viel mehr Zeit für ihre Kinder.“

Und weißt Du was? Diese Scham ist mehr als verständlich, denn schließlich wollen wir ja die besten Eltern für unsere Kinder sein, die es gibt. Wir wollen sie glücklich machen, mit ihnen gute Zeit verbringen, sie stärken und zu selbstbewussten Menschen großziehen.

Je offener wir mit dem Thema Scham umgehen, desto weniger wächst das Schammonster in uns und wird größer. Je mehr wir uns auch über unsere Gedanken und Sorgen austauschen, desto mehr merken wir, dass es anderen ganz genau so geht und wir deshalb nicht schlechter sind.

Mit dem Zitat von Brené Brown möchte ich meinen Artikel enden, denn es zeigt so schön, was der richtige Umgang mit Scham positives bewirken kann, wenn wir die Tür öffnen und uns verletzlich zeigen.

„Empathie ist das Gegengift zu Scham“.

Hast Du eine Geschichte über Scham, die Du mit mir teilen kannst? Wie geht es Dir mit dem Thema und was hilft Dir im Moment der Scham? Dann schreib mit gerne unten in die Kommentare.

 

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