Frau mit Händen zu Herzen geformt Elternblog Isabelle von Abendroth Elternberatung, Elterncoaching, Elternworkshops

Vergangene Woche hatte ich ein Gespräch mit einer Mutter, die sich wahnsinnig über einen Elternratgeber aufgeregt hat. Inhalt des Buches war, dass sich alle Konflikte, Probleme und Sorgen in der Familie in Luft auflösen, wenn die Mütter sich einfach mal entspannen. Der Haupttipp im Buch war es, als Mutter jeden Tag Meditation zu machen und sich Entspannungszeit zu nehmen. Sie selber fühle sich eigentlich ganz entspannt und war so sauer darüber, dass alle „Schuld“ doch wieder nur an uns Müttern hänge.

Es lässt sich leicht sagen, dass der Dreh- und Angelpunkt bei uns Müttern liege. Es heißt immer so schön, wir sind das Thermometer der Familie. An unserer Stimmung lässt sich die Stimmung aller ablesen. Aber mal ehrlich, auch wenn da was dran ist, wie anstrengend ist das denn? Wer hat schon einen Knopf eingebaut, der von jetzt auf gleich auf Entspannung stellen kann, wenn wir uns wie selbstverständlich um die Sorgen und Besonderheiten unserer Familie kümmern? Oder liegt hier vielleicht sogar der Schlüssel, sich mal bewusst zurückzulehnen und nur zu beobachten?

„Es wächst sich alles zurecht“

Wie wäre das Motto „Nicht jedes Problem muss angegangen werden. Vieles löst sich vielleicht ganz von alleine.“? Für mich als Mutter sind die besten Gespräche mit Müttern älterer Kinder. Was sich bei ihnen damals als Sorge entfaltete, verflog nach einiger Zeit oder ein paar Jahren von ganz alleine: Lispeln, Stottern, Unsportlichkeit, Null-Bock-auf-Lesen, Wasserscheu, Ticks.
Ich weiß noch, wie ich mit meiner Schwester damals beim Kiefernorthopäden saß und wir nach ein paar Monaten wieder einen Kontrolltermin hatten. Ich hatte die Hausaufgabe bekommen, ein paar Übungen mit meiner Lippe zu machen, um die Behandlung zu verbessern. Mit schlechtem Gewissen und eingezogenem Kopf, da ich keiner der Übungen gemacht hatte, trat ich dem Arzt gegenüber. Dieser schaute mich nur ganz freudestrahlend an und sagte, dass sich meine Lippe total verbessert habe und er es toll fände, wie sehr ich geübt habe. Meine Schwester und ich schauten uns nur verwundert an und gingen etwas verwirrt nach Hause.
Sagt das nicht, dass sich vieles von alleine auswächst, ohne dass wir ständig nachhelfen müssen? Großmütter sagen gern „Es wächst sich alles zurecht“ und damit haben sie nicht ganz Unrecht. Wenn Du mal zurückschaut, um was Du Dich schon alles gesorgt hast, hat sich sicher vieles bereits von alleine erledigt. Du solltest den Blick auf diese bereits geschafften Schritte nie verlieren.

„Kennt Google wirklich unser Kind?!“

Sowohl Fehlschläge als auch Erfolge sind oft unvorhergesehen und stehen oft in keinem Verhältnis zu den Aufregungen und Strapazen, die wir uns vorher gemacht haben. Klar, Ihr sagt jetzt sicher, dass wir unseren Kindern damit was Gutes tun, dass wir sie vor Hänseleien, Demütigung, Ungerechtigkeit schützen wollen. Es soll auch nicht heißen, dass wir die Augen komplett verschließen sollen, denn unser Gefühl zeigt uns schon viel auf, wo es sich lohnt hinzuschauen. Dann aber Google zu befragen, das so gern zahlreiche Infos über frühkindliche Entwicklungsstörungen herausgibt, vertreibt unsere Sorgen nicht unbedingt. Denn kennt Google wirklich unser Kind ganz persönlich?

„Krisen als Helfer kindlicher Persönlichkeitsentwicklung“

Heute ist die Kleinfamilie auf sich alleine gestellt und je älter, gebildeter und erfahrener sie ist, desto sehr geht nachts das Gedankenkarussell an: Anzunehmen, dass Kinder über Wochen mal weniger essen und dann wieder mit Genuss zulangen, dann ständig ausrasten und plötzlich wieder vernünftig werden, sich tagelang zurückziehen und dann wieder ganz offen auf Neues zugehen, Angst vor Monstern, Haarewaschen oder dem Tod habe und es dann komplett wieder vergessen, fällt immer wieder schwer.
Man sollte sich öfter mal vergegenwärtigen, wie Evolution funktioniert: Durch Versuche und Ausprobieren und durch Fehler und Scheitern, aus denen man bestenfalls etwas lernt. Ich möchte in diesem Zusammenhang den Kinderbuchautoren, Vater und Illustrator Tomi Ungerer zitieren, der sagt: „Kinder mögen Angst, Sie lieben schreckliche Geschichten, weil sie spüren, dass die Welt nicht heile ist. Man muss Kinder traumatisieren, damit sie lernen, ihre Angst zu überwinden. Das ist wie die Impfung für die Zukunft“. Auch wenn es etwas hart klingt, nimmt es etwas von der Sorge, unwiderruflichen Schaden anzurichten. Außerdem hilft es, Krisen weniger als Herausforderung elterlicher Kompetenz aufzufassen, sondern als Helfer in der Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit.

„Wer weiss wofür es gut ist“

Ich denke, dass die Mutter, die sich über das Thema „Entspannt Euch endlich mal, Ihr Mütter“ aufgeregt hat, absolut recht hatte. In Tiefenentspannung-rumlaufenden-Mütter sind nicht alleine der Schlüssel zu einer glücklichen Familie. Sich aber immer mal wieder zurückzulehnen und zu schauen, ob es sich lohnt, sich in ein Thema so tief reinzudenken, von dem ich ja nur glaube, dass es Schaden für mein Kind nimmt, kann für uns Mütter sehr hilfreich sein. In vielen Fällen drängen wir uns nämlich selber in unsere Sorgenfalle aufgrund unsere hohen Erwartungen und Ansprüche. Ausgelöst ist dies durch den hohen Druck von außen durch die Gesellschaft. Hier geht es meines Erachtens eher um unsere innere Haltung.

Mit dem Mantra: „Wer weiß wofür es gut ist“ kannst Du auf alle Fälle schon mal einen Schritt gelassener auf Deine Familie schauen. Wenn manchmal die ganze Welt Deinem Kind das Gefühl gibt, ein Spinner, Außenseiter, Nicht-Normaler, bescheuert oder schräg zu sein, dann ist es das Beste, was Du tun kannst, nicht auch noch kritisch um es herumzuschleichen. Vielmehr ist es besser, ihm das Gefühl zu geben, mit all seinen Sonderheiten und Ticks absolut liebenswert zu sein. Diese Haltung einzunehmen kostet Zeit, Geduld und Nerven, die sich aber langfristig absolut lohnt. Und vergiss nicht, es wächst sich alles einmal zurecht.