Absichtslos clever sein
Warum wir manchmal das Ziel verlieren sollten, um unsere Kinder zu finden
Man angenommen, ich könnte diese Sätze aus Deinem Satzvokabular einfach so wegzaubern? Entspannt sich bei Dir etwas? Wäre das nicht ein Traum?
„Wir müssen fertig werden“,
„Das ist gut für deine Gesundheit“
„Gleich ist Schlafenszeit – ab ins Bett“
„Wie oft muss ich Dir das noch sagen“
„Was habe ich gerade gesagt?“
„Iss vernünftig, Hände auf den Tisch“
„Das macht man nicht“
„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“
„Denk an Deinen Turnbeutel!“
„Mach den Mund zu“
„Soll ich das auch einmal mit Dir so machen?“
„Mach jetzt hin“
„Muss das jetzt wirklich sein?“
„Stell Dich nicht so an“
„Ich zähl bis drei“
„Muss ich denn alles alleine machen?“
„Hörst Du mir überhaupt zu“
„Später wirst Du mir dankbar sein“
„Das geht so einfach nicht weiter“
Ihr seht schon, ich finde kein Ende und ich könnte ewig so weiterschreiben. Gleichzeitig bin ich auch echt beschämt, wie flüssig sich diese Sätze tippen lassen 😊
Ich durfte vor einiger Zeit selbst erfahren, wie kraftvoll das ist, ohne diese Sätze sein zu dürfen. In einem Seminar wurde uns gleich zu Beginn erklärt, dass wir in den kommenden Stunden in einem absichtslosen Raum sind. Wir hatten Zeit, in der absolut nichts von uns erwartet wurde. Kein Ergebnis, kein kluger Beitrag, keine Selbstvermarktung, kein Ziel.
Das Gefühl war überwältigend: Ein tiefes Aufatmen breitete sich aus. Der Druck, ständig zu funktionieren oder zu optimieren, fiel ab. In dieser Leere entstand plötzlich eine unglaubliche Offenheit und echte Verbindung zu den Menschen um mich herum.
Was bedeutet „absichtslos“ eigentlich?
Absichtslosigkeit ist der Verzicht auf ein bestimmtes Ergebnis. Es bedeutet, den Moment nicht zu „nutzen“, um etwas zu lehren, zu klären oder zu erledigen. Es ist das reine Verweilen im Hier und Jetzt, ohne den inneren Antreiber, der schon drei Schritte weiter beim Abendessen oder den Hausaufgaben ist.
Warum unsere Kinder diese Räume brauchen
In unserem durchgetakteten Familienalltag sind wir oft Manager. Wir steuern unsere Kinder durch den Tag. Doch die wahre Kraft liegt in den kleinen, ungeplanten Lücken.
Wenn wir die Absicht loslassen, das Kind zu formen oder zu belehren, öffnen wir die Tür für echte Begegnung. Egal ob Dein Kind 3, 7 oder 15 Jahre alt ist: In dem Moment, in dem Du „einfach nur da“ bist, kann Verbindung entstehen.
Leichter gesagt, als getan!
6 Ideen für absichtslose Momente im Alltag
Hier sind sechs kleine Impulse, wie Du diese Räume in Euren Tag lässt:
- Der „Stein“: Setze Dich einfach für 10 Minuten auf den Teppich oder aufs Bett im Kinderzimmer – ohne Spielzeug anzubieten. Warte einfach ab, ob und wie Dein Kind Kontakt aufnimmt.
Das geht auch mit Teenagern: Einfach mal ins Zimmer kommen und da sein. Schaue, was Dein Teenager gerade so macht, ohne dass es nach Kontrolle oder zu viel Neugier rüberkommt. Cringe, aber schön 😊
Akzeptiere auch ein „Nicht-Integriert“ werden und genieße den Moment. - Gemeinsames Starren: Lege Dich mit Deinem Kind (auch Teenager!) aufs Bett oder bald auch wieder in den Garten und schaue an die Decke oder in die Wolken. Reden ist optional.
- Der „Ja-Spaziergang“: Gehe vor die Tür, ohne Ziel. Lass das Kind das Tempo und die Richtung bestimmen. Wenn es 5 Minuten einen Käfer beobachten will, tue das mit – ohne auf die Uhr zu sehen.
- Absichtsloses Gekritzel: Leg ein großes Blatt Papier auf den Tisch und male einfach Linien oder Farben, während Dein Kind daneben sitzt und dasselbe tut. Kein „Was soll das darstellen?“, nur die Bewegung der Stifte.
- Das Dasein: Setz Dich morgens oder abends einfach an die Bettkante. Ohne zu fragen, wie die Schule war oder ob die Zähne geputzt sind. Einfach nur physische Präsenz schenken.
- Zuhören ohne Echo: Wenn Dir Dein Kind etwas erzählt, höre einfach nur zu. Verzichte auf Ratschläge, Korrekturen oder eigene Anekdoten.
Diese Momente nehmen den Druck aus dem Kessel und bringen eine Leichtigkeit zurück, die wir im Erziehungsstress oft verlieren.
Lass heute das Geschirr stehen, ignoriere die ungelesenen Nachrichten und pfeif auf den Zeitplan. Sei absichtslos clever – und schau zu, wie der Stress verpufft.
Schaffe heute ein Gefühl, an das sich Dein Kind erinnern wird – ganz ohne Plan, ganz ohne Ziel. Trau Dich, die Kontrolle zu verlieren. Ich verspreche Dir aus eigener Erfahrung aus meinem Seminar: Es fühlt sich verdammt gut an.
P.S.: Welcher Satz aus deinem ‚Satzvokabular‘ nervt dich selbst am meisten? Schreib mir eine kurze Mail – das bloße Aufschreiben hilft oft schon beim Loslassen!“
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Ich bin Isabelle, Elterncoach, Erziehungsberaterin und 3-fach Mutter.
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