Kind in Bollerwagen gelangweilt Elternblog Isabelle von Abendroth Elternberatung, Elterncoaching, Elternworkshops
„Es ist so langweilig, was soll ich machen?“ – kennst Du diesen Satz und nervt er Dich auch so sehr? Am liebsten würden wir jetzt zahlreiche Vorschläge machen, was unser Kind tun oder spielen sollte. Auch wenn dies qualvolle Minuten mit Nörgelei sein können, lohnt es sich, hier dem Drang nach Vorschlägen vorerst zu widerstehen und dem Kind die Chance zu geben, durch Zeiten der Langeweile viele Vorteile für sich zu entdecken. Leichter gesagt, als getan, aber es lohnt sich.
Ich werde Euch im Folgenden 5 Gründe nennen, wieso die Langeweile Eurem Kind in seiner Freizeit so gut tut:


1. Langeweile entsteht, wenn Stress wegfällt

Langeweile entsteht oft erst dann, wenn bei Kindern der tägliche Stress oder ein stark durchgetakteter Tagesablauf wegfällt. Dies ist häufig in den Ferien oder am Wochenende der Fall. Das Gefühl der Langeweile bei Deinem Kind, was uns unruhig macht, sollte daher eher als ein gutes Zeichen gesehen werden, denn das Kind ist auf dem Weg zur Entspannung und Ruhe. Die Kinder müssen nun selber erfahren, die entstandene Leere zu füllen.

2. Langeweile macht kreativ

Der Zustand der Langeweile wird als wichtige Voraussetzung gesehen, dass Kinder lernen, mit sich selbst etwas anzufangen und kreativ zu werden. Phasen der nicht organisierten Freizeit für zweckfreies Spielen sind wichtig für die Entwicklung der Kinder und vor allem deren Gehirn. Bei Langeweile kommt es in unserem Gehirn zu einem Prozess, den man in der Psychologie „Gedankenwandern“ nennt. Es wird im Kopf sprichwörtlich Platz gemacht. Die Gedanken, die uns beschäftigen, ziehen sich zurück und verlieren an Dringlichkeit. Das bringt Raum für neue Ideen. Indem Kinder also die Langeweile aushalten, wird ihre Fantasie aktiviert.
In zwei Studien von Psychologin Sandi Mann wurden Probanden gebeten, Nummern aus einem Telefonbuch abzuschreiben, im nächsten Durchlauf sogar nur zu lesen. Das Gehirn der Teilnehmer war währenddessen so unausgelastet, dass in der anschließenden Übung durch einen plötzlichen Überschuss an Kreativität viel mehr Ideen entstanden als üblicherweise.

3. Langeweile fördert das Selbstgefühl

Es wird durch Langeweile nicht nur die Kreativität der Kinder gefördert, sie bekommen auch ein Gefühl der Unabhängigkeit  Sie lernen sich selbst zu organisieren. Es entsteht ein Zeitraum, der nicht durch Eltern oder Lehrer verplant ist. Kinder entwickeln so ein Gefühl für sich selbst, für ihre Schaffenskraft, ihre Stärken und Fähigkeiten sowie ihre eigenen Interessen.

4. Langeweile schafft Eigeninitiative

Wenn ich in einem Zustand bin, der mich wie bei der Langeweile nicht erfüllt, dann bin ich gefordert. Dieses unangenehme Gefühl ist wie ein Kompass. Ich merke, dass ich etwas ändern sollte und dass die Richtung, die ich eingeschlagen habe, nicht zum gewünschten Ziel führt. Das ist bei Kindern ganz genauso. Wenn sie etwas langweilt, dann gehen sie auf die Suche und fangen an eigeninitiativ zu werden. Sie überlegen, was ihnen Spaß macht.

5. Langeweile ist gut für den Lernprozess

Neurobiologische Forschung haben zwei Bereiche erforscht:
  1. Zum einen haben sie gezeigt, dass Kinder viel besser lernen, wenn sie ihrer eigenen Neugierde nachgehen, wenn die Motivation nicht von außen, sondern von innen kommt. Indem sie also gelernt haben, ihren eigenen Interessen zu folgen, fällt es ihnen leichter sich für neue Dinge und auch Lerninhalte zu begeistern.
  2. Zum anderen haben Hirnforscher in Studien festgestellt, dass, wenn Probanden aufgefordert werden, nichts zu tun und an nichts zu denken, ein ganz bestimmtes Netzwerk von Hirnregionen eine besonders hohe Aktivität aufweist. Ähnlich wie beim Schlaf, so die Theorie der Hirnforscher, könnte das Gehirn im Leerlauf-Modus aktiv sein, um sich gerade Erlerntes noch einmal „durch den Kopf“ gehen zu lassen und die Synapsen entsprechend neu zu sortieren.

Gerade die Ferien sind also eine wertvolle Zeit, das Gelernte sacken zu lassen und dem Gehirn eine Pause zu gönnen.

In einer Welt, in der wir als Eltern kaum mehr Momente der Ruhe erleben, weil wir ständig verfügbar sind und jede Lücke der Stille digital füllen, ist es gar nicht mehr so leicht, Langeweile sowohl bei uns, aber auch bei unseren Kindern zuzulassen. Hier findest Du dazu einen kurzen Vortrag (Ted-Talk) von Manoush Zomorodi zu dem Thema, wie Langeweile zu guten Ideen führen kann. Ich kann ihn Dir sehr empfehlen.

Versuch es mal: Wenn Dein Kind also das nächste Mal zu Dir kommt und sagt: „Mir ist sooo langweilig“, dann umarme es und sage: „Glückwunsch, mich interessiert zu sehen, was du jetzt tust.“ Du kannst das mit einem reinen Gewissen sagen. Wahrscheinlich ist Dein Kind kurz verwirrt. Du gibst ihm damit aber eine wertvolle Chance, zu lernen, seiner eigenen Neugier und Leidenschaft nachzugehen.