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Für viele Eltern war der erste Lockdown anstrengend, wenngleich es auch super schöne Momente gab. Ich kenne aber keine Eltern, die in dieser Zeit nicht auch an ihre Grenzen oder darüber hinausgegangen sind. Jetzt stecken wir mitten in der zweiten Covid-19-Welle und es ist Zeit darüber nachzudenken, wie wir damit umgehen können. Ein Ende ist ja leider erstmal nicht in Sicht. Daher heißt für mich das oberste Gebot: Jetzt keine Panik! Solange Schulen und Kitas noch offen bleiben (wenn auch nur Wochenweise) ist das ja schonmal hilfreich. Ich habe Euch zu sieben Themen ein paar Impulse zusammengeschrieben, die mir aus meiner Erfahrung in meiner Arbeit in den letzten Monaten mit Eltern wichtig sind, wie wir die kommende Zeit gut überstehen können. Vielleicht gibt es auch Euch Anregungen zum Nachdenken:

1. Achte auf Dich selber

Die momentane Situation ist für viele gerade irritierend und anstrengend. Deshalb erinnere ich Dich daran, was in jedem Flugzeug vor dem Start gesagt wird: „Im Falle eines Druckabfalls, ziehen Sie bitte erst Ihre Atemmaske an, dann helfen Sie Ihrem Kind!“. Was ich damit sagen möchte: Nur wenn Du an Dich selbst denkst und auf Dich achtest, kannst Du auch gut für Deine Kinder sorgen. Höre auf Dich, sage auch mal „Nein“ – z.B. „Ich koche heute nicht, es gibt Dosensuppe!“. Schraube Deine Ansprüche zurück, schaue regelmäßig mal zurück, z.B. indem Du abends überlegst, was war heute gut, wofür bist Du heute dankbar. Sei stolz auf das, was Du in den letzten Monaten auch während des letzten Lockdowns geleistet hast. Und wenn Du doch mal merkst, dass Dich hier oder da ein Thema intensiv beschäftigt und es alleine nicht weitergeht, rede drüber. Tausche Dich mit anderen aus, sei es mit Deinem Partner, mit Deiner Freundin, mit anderen Eltern oder auch einem Coach, der Dir helfen kann. Gemeinschaft schafft Verständnis und Erkenntnis. Du musst nicht mit allem alleine fertig werden.

2. Wie wichtig ist meine Arbeit?

Ich spreche hier ein Thema an, das aus meiner Erfahrung viele Paare im letzten Lockdown getroffen hat. Welche Arbeit ist wie wichtig und wie definiert man überhaupt, was wichtig ist? Können wir monetär bemessen, wie wichtig eine Arbeit ist? Ist derjenige mehr zu bewerten, der die Familie finanziell unterstützt? Oder würde das ganze Konstrukt zusammenbrechen, wenn derjenige mit seiner Arbeit des sich Kümmerns (um Kinder, Haushalt, Alltagserhaltendes) wegfallen würde?
Jede Arbeit ist gleich wertvoll und sollte daher auch als solche anerkannt werden. Es ist egal, ob es ein Partner ist, der Vollzeit oder Teilzeit im Job oder zu Hause tätig ist. Da ist vielen, die gemeinsam rund um die Uhr zu Hause waren, sicher in diesem Jahr einiges bewusst geworden, dass ein jeder Recht auf Auszeiten haben muss! Man kann auf jeden Fall regelmäßig darüber im Austausch bleiben.

3. Mehr Partnerschaftlichkeit

Für viele Beziehungen war dies ein herausforderndes Jahr, da Themen aufgepoppt sind, die vielleicht länger verborgen waren. Neid auf ungestörtes Arbeiten, ungleiche Aufgabenverteilung im Haushalt und bei der Betreuung mit den Kindern, neues Rollendenken, Wunsch nach unerfüllter Paarzeit. Wer hier an sich gearbeitet hat, hat vielleicht Dinge ändern können und konnte gestärkt daraus hervorgehen. Auch hier lohnt es sich, ins Gespräch zu gehen und falls nötig auch mit anderen. Klar ist, dass sich die Familie nur auf dem Fundament der Paarbeziehung aufbauen konnte. Diese ist daher ein wichtiger Bestandteil einer glücklichen Familie. In diese Zeit zu investieren, stärkt damit alle! Also ergreif die Initiative und überrasche Deinen Partner mal wieder mit einem gemeinsamen Date. Wie wäre es mit einer Kochbox für einen gemeinsamen Kochabend zu zweit oder einem Spieleabend? Vielleicht auch ein virtuelle Konzertbesuch, ein Heimkinoabend mit Popkorn und Nachos oder ein Abendspaziergang mit einer Laterne? Ihr wißt schon, was ich meine ;-).

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4. Starke Gefühle bei Kindern

Kinder machen genau wie wir eine besondere Zeit durch. Klar genießen sie sicher die viele freie Zeit und weniger Terminstress. Gleichzeitig vermissen sie Großeltern, Ausflüge in Zoo oder Freizeitparks und vor allem die älteren Kinder Ihre Freunde, Hobbys, etc. Sie passen sich schnell an und tragen die Maske viel selbstverständlicher als wir, aber was macht das mit unseren Kindern auf lange Sicht? Diese Frage höre ich viel von Eltern und damit ist eine große Sorge verbunden. Auch hier gilt aus meiner Sicht die Devise: keine Panik, denn in ein paar Jahren schlüpfen unsere Kinder abends in ihre Desinfektanzüge, ziehen sich eine Haube über und gehen mit ihren Freunden in eine Distanzbar um die Ecke, docken sich mit einem Schlauch ans Bierglas an und haben Spaß und lachen über uns, wie viel Gedöns wir um die ersten Masken gemacht haben. Nein, jetzt gehen meine Gedanken mit mir durch ;-).

Wenn wir unsere Kinder gut beobachten, ihre Gefühle ernst nehmen, darüber im Gespräch bleiben und darauf vertrauen, dass sie damit ein gutes Gespür für sich selbst entwickeln, kann nicht viel schief laufen. Denn wenn Kinder starke Gefühle, wie Wut, Frust, Trauer und Neid zeigen, ist das immer ein Zeichen, genauer hinzuschauen und zu suchen, was sie aus dem Gleichgewicht bringt. Wir können als Eltern dankbar sein, wenn sie uns diese Gefühle zeigen, da wir ihnen dann helfen können, damit zurecht zu kommen und daraus zu lernen.

5. Wieviel Handy, Konsole oder TV sind ok?

In den nächsten Wochen dürfen wir, wie auch bereits im ersten Lockdown, sicher mal großzügiger sein, wenn es um Medienzeiten geht. Schließlich fallen viele Freizeitaktivitäten weg und da ist die Pause mit Hörspielen, Filmen, Spielen, Chats etc. gut zu füllen. Viel wichtiger ist es, die Zeit zu nutzen und unseren Kindern dabei mal über die Schulter zu schauen, gemeinsam Apps zu entdecken, Filme zu schauen und sich darüber auszutauschen.

Aus meiner Sicht liegt die größte Gefahr des Medienkonsums darin, dass wir Eltern unsere Kinder alleine lassen, sie nicht begleiten und dass die Kinder die Medien zu viel passiv konsumieren. Wenn wir im Kontakt mit ihnen darüber sind, fördert das unsere Bindung. Wenn wir die Kinder anregen, die Medien aktiv zu nutzen, sei es mit den Großeltern facetimen, mit Freunden gemeinsam zocken, ein Rezept aus dem Internet raussuchen und kochen, ein Video drehen und bearbeiten, Fotos machen oder Ausmalbilder ausdrucken etc., dann erkennen sie immer mehr den Nutzen und die Vielfalt der Anwendbarkeit im Alltag. Sie fangen dann an, dies für sich zu entdecken.

Lockerer im Erlauben zu sein, bedeutet aber nicht, die Zeiten komplett aus dem Auge zu verlieren. Wir sollten schon darauf achten, wieviel Zeit die Kinder mit Medien verbringen und dies ggf. auch limitieren. Erst ab einem Alter von ca. 16 Jahren haben die Kinder den nötigen Weitblick, für sich selbstregulierend zu entscheiden. Das fällt uns ja täglich auch noch schwer, die Geräte wegzulegen.

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6. Der verfluchte Haushalt

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber das ständige zu Hause sein, schafft so unglaublich viel Arbeit. Im ersten Lockdown haben viele Pläne und Alltagsstrukturen erschaffen. Meiner Familie hat es geholfen, regelmäßig ein „Wir-müssen-da-jetzt-alle-durch-und-machen-das-jetzt-alle-zusammen-Team“ zu bilden. Natürlich mit mega viel Diskussion und sich Drücken-Wollen. Mich hat dann motiviert, dass am Ende, wenn alle (für ihr Alter entsprechend) mitangepackt haben, jeder daran wächst, Verantwortung für die Familie übernommen zu haben. Ich weiß, dass ist ein blumiger Gedanke, hat mir aber innerlich geholfen, die Kinder von ihren Sesseln hochzubekommen.

Bei diesem Thema sollten wir aber wieder gnädig mit uns sein, denn es geht auch nicht die Welt unter, wenn die T-Shirts auch mal viermal getragen werden, vor lauter Krümeln der Boden kaum noch zu sehen ist oder um 20 Uhr für jeden und alles Feierabend ist. Der goldene Mittelweg ist hier sicher der bessere – ich arbeite noch täglich daran.

7. Kontakte live, virtuell oder vielleicht auch gar nicht?

Viele Familien hatten hier Gesprächsbedarf, hier scheiden sich die Geister und genau das ist es, was sich in den letzten Wochen nicht gerade einfach gezeigt hat. Die Wünsche, Erwartungen und Forderungen zum Thema Kontakt gehen hier stark auseinander. Ich kenne viele, die sich vor den Kopf gestoßen gefühlt haben, wenn der ein oder andere Weg bevorzugt wurde, sich zu treffen oder aus gutem Grund lieber nicht. Und mit dem „aus gutem Grund“ meine ich, dass nur jeder für sich selbst entscheiden kann, ob es einen guten Grund gibt.
Konflikte kommen erst dann auf, wenn man für den anderen entscheiden möchte, was ein „guter Grund“ sei. Das sind in Coroanzeiten grundlegende Gründe wie Sicherheit und Angst aber auch der Wunsch nach Gemeinschaft und Furcht vor Einsamkeit. Hier sind Toleranz und Einfühlungsvermögen gefragt, aber auch die Fähigkeiten, mit der anderen Meinungen umgehen zu können. Denn schließlich möchte ja keiner die anderen bewusst mit seiner Entscheidung verletzten. Mit Offenheit und Verständnis begegnet es sich meist am besten!

Alles in allem: Sei nicht zu hart mit Dir, schaffe Dir Freiräume, gehe Deinen Bedürfnissen nach. Mit Blick auf Deine Familie ist das ein guter Weg, die kommende Zeit zu meistern.

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